Meine Themengebiete

Magazin GEO 12/2019
(Auszug)

In der Virtuellen Realität bauen sich schon heute einige Menschen ein alternatives Leben auf. Sie leben lieber dort als in der materiellen Realität. Ich habe vier von ihnen begleitet, in Virtuellen Welten ebenso wie in Kuwait, Israel und den USA. Und gesehen: es kann gute Gründe geben, die "Matrix" vorzuziehen.

 

Ben liebt Shoo, das zählt zu dem Wenigen, was sicher ist in dieser Welt. Deshalb hat der scheue junge Mann für seine Liebste ein Haus gebaut, prachtvoll eingerichtet mit dunklem Parkett, violetten Vorhängen, Tischlampen auf der Bar, Wendeltreppe zum Schlafzimmer. Auf dem Tisch steht eine Torte, alles soll perfekt sein für diesen Tag.

Ben hat Freunde eingeladen, die langsam eintrudeln im neuen Haus. Manche von ihnen leben Tausende Kilometer entfernt in Berlin oder Kairo. Nach ein wenig Smalltalk stehen die Gäste schließlich um die Bar herum, sie tuscheln. Etwas liegt in der Luft. Als Shoo verträumt die Torte betrachtet, schleicht sich Ben von hinten  heran, er flüstert ihr ins Ohr: „Komm mit hoch.“ Shoo folgt ihm die Wendeltreppe hinauf.

Kurz darauf vernehmen die Gäste ein kurzes Aufschluchzen. Shoo kommt die Treppe heruntergelaufen: „Ich habe mich gerade verlobt!“, ruft sie, Freude in ihrer Stimme. Und Ben lächelt zufrieden unter seiner hässlichen, unförmigen, schwarzen Kopfkinobrille.

DIE ZEIT, 5. Dezember 2019

Ausführliche Version: Riffreporter, Dezember 2019

Ich arbeite mit Menschen aus aller Welt zusammen. Doch die Physik wirft uns Steine in den Weg: sie sind einfach weit weg, und alle Kommunikationstechnik lässt die Distanz noch spürbarer werden. Aber die Zukunft hält gute Lösungen bereit! Ich habe einige ausprobiert und mein Bewusstsein in Robotern und Hologrammen auf Reisen geschickt.

Das Bild der Kollegen ist schon lange eingefroren. Bewegen sie sich? Sind sie überhaupt noch da? Aktuell macht einer ein ziemlich blödes Gesicht, die Nase groß auf dem Bildschirm – offenbar hat er versucht, etwas einzustellen am Bildschirm, als er merkte, dass die Qualität nachlässt. Dann hat Skype beschlossen, ihn für uns so zu verewigen. „Was sagt denn der Kollege aus Berlin dazu? Hallo? Hallo Berlin, hört ihr uns?“ Kurz nach dem Bild verschwindet auch der Ton. So ist es immer. Danach: ein Anruf. „Was ist los? Wo seid ihr?“ „Ach komm, wir versuchen es per Telefon – stellt ihr auf Lautsprecher und wir.“ Grausam. Das ist der Tod jeder sinnvollen Besprechung über Distanz.

 Reportagen Nr. 45, März 2019

 

Der Schleier fällt der alten Dame vor die Augen, als die Braut sie umarmt, sie spürt das aufgeregte Zittern der jungen Frau, sieht ihre nackten Schultern, bewundert das silbrig-schimmernde Haarband, den dunklen Dutt. Er ist so glatt, als wäre er aus Porzellan. Dann hebt die Braut den Schleier. Ihr Gesicht kommt immer näher, so nah, dass es unscharf wird.

Die alte Dame sieht die Brautmutter, die vor Rührung weint, den Brautvater. Und dann kommt er endlich. Der Bräutigam, ihr Enkel! Für die alte Dame ist er wie ein Sohn. Und nun wird er heiraten. Natürlich würde die alte Dame bei diesem Ereignis dabei sein, das war ihr immer klar gewesen. In der Menge der Feiernden würde sie stehen, eine der ersten Gratulantinnen sein. Doch das Leben kam anders. Und mit ihm eine Horde junger Männer, Freunde ihres Enkels, die sie zu einem Versuchskaninchen machten für eine neue Technologie, die sie „Augmented Human“ nennen, der erweiterte Mensch.

 Die ZEIT, 23. Januar 2019

Wenn wir aus dem aktuellen Hack die richtigen Schlüsse ziehen, kann sich etwas ändern. Entwickler bekommen zu wenig Freiheiten, um Sicherheit zu berücksichtigen. Ein genauerer Blick auf die Rolle der Unternehmen lohnt sich, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Beim aktuellen Hack waren die Schuldigen schnell ausgemacht: die dummen Nutzer und ihre schlechten Passwörter. Und ein Schüler, der offenbar nicht ausgelastet war und durch pures Herumprobieren viele dieser Passwörter erriet. Doch so einfach ist die Realität nicht. Es gibt schon seit mehr als 20 Jahren ein Forschungsgebiet namens „Usable Security“, nutzbare Sicherheit, und auch die Forschungsrichtung „Privacy by design“ wurde bereits im Jahr 2000 geboren: beide entwickeln Methoden, die Privatsphäre so in Technik einzubauen, dass der Mensch und seine Natur dabei nicht vergessen werden. Sicherheit und Privatsphäre sollen bereits im Design von Computersystemen und nicht erst in der Anwendung berücksichtigt werden.

Science Notes 3/2019 - Ausschnitt


Wie eine Recherche in der virtuellen Realität nicht nur mein echtes Leben verändert hat, sondern mir gezeigt hat, wie relativ unsere Idee der scheinbar exklusiven Realität ist.

An einem Tag im Juni 2016 setze ich zum ersten Mal meinen Fuß in eine andere Realität. Ich stehe in der Abendsonne unter einem Baum. Die Blätter zeichnen ein Muster auf den Boden. Ich höre das Gemurmel von Menschen, die aussehen wie Roboter, der Himmel ist unglaublich tief.

Eigentlich steht mein Körper in meinem Wohnzimmer und doch bin ich ganz woanders. Ich habe mir ein klobiges Headset über den Kopf gestülpt, dicke Kopfhörer dazu, und befinde mich plötzlich in dieser anderen Welt. Sie heißt „Altspace VR“, diese Welt, und es ist ein sozialer Treffpunkt in der Virtuellen Realität. Hier geht es nicht um Spiele, sondern um das Soziale. Es gibt zu dieser Zeit drei oder vier ähnliche Treffpunkte dieser Art in der Virtuellen Welt.