Wissenschaftsreportage Technik Eva Wolfangel

Wissenschaftsreportage / Technik

Wissenschafts- und Technikthemen mit der kreativen Stilform der Reportage zu verbinden, das ist meine Leidenschaft. So wird für die Leserinnen und Leser fühlbar, wie unsere Zukunft aussieht. Einige meiner großen Technik-Reportagen haben schon öffentliche Diskussionen in Gang gesetzt über die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen.

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Stuttgarter Zeitung, 18. April 2017

Lisa Haas will ins All, seit sie denken kann. Sie ist eine von sechs Finalistinnen im Wettbewerb „Die Astronautin“. Aller Kritik am Wettbewerb zum Trotz findet sie: wir haben genug gewartet! Es müssen mehr Frauen ins All.

Hach die Physik! Der weiße Klettergriff unter der rechten Hand von Lisa Haas ist groß aber abschüssig, der unter der Linken nicht besser, ihr linker Fuß steht auf einem winzig kleinen Tritt, der rechte Fuß angelt nach einer Kante, die einfach nicht näher kommen will, aus den Lautsprecherboxen tönt kämpferische Musik, aber auch das hilft nichts: Die rechte Hand rutscht ab, die Kletterin stürzt aus der Wand und landet auf einer großen weichen Matte. Die Menschen um sie herum in der Tübinger Boulderhalle fluchen, wenn sie wie Haas aus der Wand fallen wie eine Tür, die schief in den Scharnieren hängt. Aber sie lacht. „Das ist Physik“, ruft sie begeistert, Gleichgewicht, Reibungskräfte, der Schwerpunkt und die verdammte Schwerkraft – „was man hier alles sehen kann!“

Ja die verdammte Schwerkraft. Was würde Lisa Haas geben, um ihr zu entkommen, und sei es nur für ein paar Tage! Die 33-jährige promovierte Physikerin möchte ins All und hat dafür schon größere Hürden genommen als dieses weiße Boulderproblem, das sie an diesem Tag noch oft abschütteln wird.

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Spektrum der Wissenschaft/spektrum.de, 13. April 2017 - Link

In der Computerlinguistik nimmt eine Debatte über die Ethik des Faches an Fahrt auf: zwei aktuelle Veröffentlichungen zeigen, dass Algorithmen Vorurteile von Menschen übernehmen und diese zementieren. Wie kann sich die Gesellschaft davor schützen? Die Forscher haben verschiedene Ansätze – aber noch keine Lösung.

Wenn eine künstliche Intelligenz die menschliche Sprache aus repräsentativen Texten der Menschheit lernt, entwickelt sie Vorurteile. Schließlich stecken diese bereits in den Trainingsdaten, wenn auch häufig wenig offensichtlich. Die Diskussion darum, wie die Forschung mit dieser Tatsache umgehen soll, nimmt gerade an Fahrt auf und hat nun durch eine aktuelle Studie im Magazin „Science“ neue Nahrung bekommen: Forscher um die Informatikerin Aylin Caliskan von der Princeton University zeigen darin, dass entsprechende Algorithmen die gleichen impliziten rassistischen und sexistischen Stereotypen reproduzieren wie Menschen. Sie erzielten mit ihrem Messverfahren vergleichbare Ergebnisse wie Neurowissenschaftler, die unbewusste Vorurteile und Wertvorstelleungen bei Menschen mittels des Implicit Associations Test (IAT) untersucht hatten.

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Süddeutsche Zeitung Wochenende, 25. März 2017 - Link

Wenn Computer lernen, den Sinn menschlicher Sprache zu verstehen, bringt das Risiken mit sich. Erste Anwendungen zeigen, wie massiv der Eingriff in unser Leben sein kann – und die betroffenen Forscher beginnen, über die Ethik ihrer Disziplin nachzudenken.

Eine Schlagzeile im Wall Street Journal hat Michael Strube am 9. Juni 2013  die Augen geöffnet. „Wie die NSA so schnell so schlau wurde“ stand dort: Wie konnte der größte Auslandsgeheimdienst der USA nicht nur massenhaft Daten sammeln, sondern vor allem diese Masse auch auswerten, insbesondere Sprachdaten aus Emails und Telefonaten? Der 51jährige Computerlinguist vom Heidelberger Institut für Theoretische Studien war auf einer wissenschaftlichen Konferenz in den USA, die Zeitung lag auf dem Frühstückstisch im Hotel. Zehn Tage nach den Snowden-Enthüllungen bewegte das die Welt – und insbesondere Strube. Schließlich wurde im Artikel detailliert erläutert, wie seine Disziplin die Spione maßgeblich stark gemacht hatte: Natural Language Processing (NLP) lehrt Computern, menschliche Sprache zu verstehen. Die meisten Menschen haben mit dieser Technologie zu tun, wenn sie Dienste wie Google Translate verwenden oder ihr Smartphone per Sprachbefehlen bedienen. Die dunkle Seite ist weniger offensichtlich: „Der Öffentlichkeit ist zwar bekannt, dass die Geheimdienste auf Metadaten zugreifen“, sagt Strube, also auf Daten wie Absender oder Betreff einer Mail. „Aber die Wenigsten wissen, wie gut wir unstrukturierte Daten analysieren können.“ Unstrukturiert, das ist aus Sicht der Informatik beispielsweise die menschliche Sprache, die für Maschinen lange eine undurchsichtige Sache war. Und auch wenn man allein aus den Metadaten von Emails viele Rückschlüsse auf eine Person und ihr Umfeld schließen kann: wer den Inhalt automatisch auswerten kann, erfährt noch viel mehr.

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Die ZEIT, 17. November 2016

Der Technologiekonzern Bosch hat eine für Deutschland einzigartige und ungewöhnliche kreative Etage geschaffen – aus der Not heraus: Das Unternehmen lebt von Ideen, aber seine Forscher sind nicht frei im Kopf. Hilft das kreative Chaos?

Der Blick aus dem 12. Stock ins Grüne sieht nicht nach unserer technologischen Zukunft aus. Sanfte grüne Hügel wechseln sich ab mit Besiedlungen, zu den Füßen ein Teich, Bänke und ein Fußballfeld. Aber was ist da im Blickfeld? Schmale blaue Linien lassen manche Konturen verschwimmen. Schrift. Hier haben Leute auf das Glas der Fenster geschrieben. „Wie leben wir 2030?“ steht da. Wer weiter lesen will, hat schnell Birgit Thoben im Nacken. „Das hier sind unsere Ideen, das ist unser geschütztes Refugium. Bitte nicht aufschreiben.“ Thoben ist Innovatiosmanagerin beim Technologiekonzern Bosch, sie verantwortet diese besondere Etage namens „Plattform 12“ am neuen Forschungsstandort in Renningen bei Stuttgart. Wie leben wir in Zukunft? Ob an jenen Fensterscheiben die Antwort steht, darf hier leider nicht verraten werden. Die Plattform 12 ist für die Öffentlichkeit geschlossen. Diese Recherche ist eine Ausnahme – und sie konnte nur stattfinden gegen das hoch und heilige Versprechen, hier keine Geheimnisse und keine konkreten Ideen zu verraten.

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Welt am Sonntag, 19. Februar 2017

Ein weltweites Quanteninternet könnte die digitale Kommunikation in Zukunft sicher und unangreifbar machen. Im Zentrum der Forschungen stehen österreichische Wissenschaftler und Quanteneffekte, die dem gesunden Menschenverstand widersprechen

Es knallten keine Sektkorken, eine Party gab es auch nicht, als Physiker im Jahr 1975 eine Entdeckung machten, die später eine Grundlage der Quantenkommunikation wurde. Ein damals noch unbekannter wissenschaftlicher Mitarbeiter des Physikers Helmut Rauch weist zusammen diesem und Kollegen nach, dass sich Neutronen, weil sie Eigenschaften von Wellen und nicht nur jene von Teilchen haben, ganz seltsam verhalten, wenn sie um ihre Achse gedreht werden: sie verändern ihren Zustand. „Das hatten wir nicht erwartet, dass die Welt nicht die gleiche ist, wenn man sie um 360 Grad dreht“, sagt Anton Zeilinger heute. Die Physiker konnten damals nicht wissen, dass diese Entdeckung jemals eine praktische Relevanz haben würde. „Wenn wir damals gefragt wurden, wozu das alles gut ist, haben wir gesagt: für nichts, das ist für nichts gut, wir machen das nur aus Interesse an der Sache“, sagt Zeilinger, der heute Professor an der Uni Wien ist.