Manche Medien und Journalist:innen nutzen KI, um Informationen aus dem Netz zu scrapen, maschinell daraus Beiträge zu verfassen und als eigene auszugeben. Damit schaufelt sich die Branche ihr eigenes Grab.
Ich hatte heute ein seltsames Erlebnis auf LinkedIn, das mich nicht nur frustriert hat, sondern das mir auch klar gemacht hat, was hier auf dem Spiel steht. Jemand hat einen meiner Posts deutlich sichtbar plagiiert. Im Verlauf der Diskussion wurde klar, dass die Person das vermutlich nicht selbst aktiv getan hat (und ich muss zugeben, das nehme ich ihr ab, denn es wäre tatsächlich naiv zu glauben, dass so etwas nicht auffällt und vor allem angesichts der wörtlichen Übernahme vieler Passagen nicht auch einfach nachzuweisen wäre). Die Person - ebenfalls ein Journalist und "Experte KI und Digital" - nutzt stattdessen diverse KI-Agenten, die das Netz nach Themen durchsuchen und diese in Posts und Artikeln im Namen der Person zusammenfassen.
So in de Art muss es auch dazu gekommen sein, dass der KI-Agent meinen LinkedIn-Post fand und sich daraus bediente. Etwas zu wörtlich, so dass es aufflog.
Die Diskussion auf LinkedIn hat Wellen geschlagen und das hat mich auf der Rückfahrt von einer Veranstaltung erwischt, auf der unter anderem eine Vertreterin der GEMA sprach und berichtete, wie dreist KI-Firmen Urheberrechte ignorieren und so die Musikbranche in eine existenzielle Krise gestürzt haben. Denn nun hören die Menschen KI-generierte Musik, die nur deshalb hörbar ist, weil sie auf geklautem Material von Musiker:innen basiert. Denen wiederum brechen die Einnahmen weg. Die GEMA hat gerade Suno und OpenAI verklagt deshalb. Aber der Schaden ist schon da und vermutlich kaum wieder gut zu machen. Viele Künstler:innen und Musiker:innen werden schlicht nicht mehr von ihrer Arbeit leben können.
Mich haben meine eigenen heftigen Gefühle in der Plagiatsgeschichte zunächst überrascht. Klar: Es fühlt sich scheiße an, kopiert und damit beklaut zu werden. Aber es ist nicht total neu für mich. Während dieser inneren Auseinandersetzung auf der Rückfahrt der Veranstaltung, in der uns so plastisch vor Augen geführt wurde, wie eine ganze Branchen ums Überleben kämpft, weil einzelne Beteiligte unethisch handeln, ist mir klar geworden, dass genau dieser Diebstahl geistigen Eigentums der Anfang vom Ende sein kann.
Mir gehts bei dem aktuellen Plagiatsfall weder allein um mich und meinen Post, noch um meine "schönen Worte", die jemand kopiert hat. Dass diese noch so zahlreich im Post vorhanden waren, war eigentlich Glück, denn nur so konnte ich das Plagiat belegen. Normalerweise lässt sich ein solcher Ideenklau kaum nachweisen, weil KI-Agenten "schlau genug" sind, die Texte besser umzuschreiben.
Ich sehe das immer wieder, wenn ich Dinge exklusiv recherchiert habe. Manchmal google ich, weil ich sehen will, ob andere Medien die Recherche zitieren. Und es kommt immer öfter vor, dass ich dabei Treffer bekomme, die keine Zitate sind. Ich finde meine gesamte Recherche von KI umformuliert und ohne jede Quellenangabe oder Verlinkung in Online-Magazinen. Es wird dann so getan, als handle es sich um eine eigene Recherche.
Zuletzt war das zum Beispiel bei meiner und Christopher Helms Recherche zu Sicherheitslücken durch Vibecoding der Fall: Das Magazin IT-Boltwise hatte unsere exklusiven Rechercheergebnisse komplett übernommen. Der Text war umgeschrieben, aber alles war drin. DIE ZEIT hat das Magazin schriftlich aufgefordert, die Quellenangabe zu ergänzen und mit rechtlichen Schritten gedroht, falls das nicht passiert. Daraufhin wurde der Text offenbar einfach gelöscht (s. Screenshot: unter dieser URL war die geklaute Recherche)

Was mich so anfrisst, ist diese Abkürzung, die Leute einfach nehmen und die seriösen Journalist:innen damit in der Konsequenz die Existenzgrundlage kostet. Auch im aktuellen LinkedIn-Post steckt viel Arbeit: Ich hatte einen Kommentar für die ZEIT geschrieben zur Frage, wie seriös ein KI-Detektionstool wie Pangram ist und ob es wirklich sinnvoll und fair ist, damit Leute der KI-Nutzung zu überführen.
Später habe ich auf LinkedIn einen Post über den Kommentar geschrieben und in zwei weiteren Posts einzelne Punkte nochmal begründet und ausgeführt und weiter recherchiert. Es steckte richtig viel Arbeit in der Recherche. Ich habe Studien und Artikel gelesen, meine Intuition mit Fakten belegt, meine Meinung begründet. Der Kommentar und der Post bestanden nicht nur aus "schönen Worten", sondern vor allem aus sehr sehr viel gedanklicher Arbeit.
Und dann schickt jemand seinen KI-Agenten los, der schnappt sich meine Arbeit und macht kurzerhand einen eigenen Post draus. In wenigen Minuten wird meine Arbeit von Tagen geklaut und als eigene Recherche/eigene Meinung präsentiert.
Unter diesen Bedingungen wird sich seriöser Journalismus nicht halten können. Es ist natürlich viel billiger, die Abkürzung nehmen: die Arbeit einfach zu kopieren, von KI umschreiben zu lassen und als eigene auszugeben. Und es lässt sich mit moderner KI richtig gut und einfach automatisieren. Das Risiko ist gering: Wahrscheinlich fällt es selten auf (auch diesmal war es Zufall), und wenn, dann kann man den Text ja schnell löschen, bevor es teuer wird (so wie IT-Boltwise das getan hat). Man kann es ja einfach mal versuchen, anderer Leute Arbeit zu klauen und selbst ein paar Werbeeinnahmen dafür zu kassieren. Da kaum eigene Arbeit drin steckt, ist jeder Klick auf einen Werbelink ein Gewinn.
Gegen solche Dynamiken haben wir keine Chance. Seriöse Arbeit wird so unbezahlbar. Zu sehen, dass Kolleg:innen sich jetzt solcher Methoden bedienen, tut wirklich weh. Sie schaufeln mit am Grab der ganzen Branche für den eigenen kurzfristigen Vorteil.
Dieser Effekt hat übrigens einen Namen: Tragedy of the Commons. Diese "Tragödie des Gemeinwohls" beschreibt Situationen, in denen es für jedes einzelne Mitglied einer Gemeinschaft kurzfristig ökonomisch sinnvoller ist, gegen die Interessen der Gemeinschaft zu handeln. Ursprünglich wurde damit zum Beispiel Überfischung beschrieben: Obwohl am Ende niemand mehr etwas hat, ist es für jeden einzelnen kurzfristig attraktiver, trotzdem zu fischen. Die Überfischung wird so unausweichlich, weil es keinen kurzfristigen Anreiz gibt aufzuhören und alle zusammen ins Verderben rennen.
Der Journalismus läuft gerade Gefahr, genau in diese kaum auflösbare Tragödie zu laufen. Weil es für einzelne attraktiv ist, berufsethische Maßstäbe außen vor zu lassen und weil sie vom Diebstahl profitieren, ist ihnen sowohl der Vertrauensverlust in die Branche als auch die langfristigen Folgen für die Existenz des Journalismus egal.
Falls wir noch eine Chance haben wollen, der Tragedy of the Commons zu entkommen, führt kein Weg daran vorbei, diese Diskussion jetzt hart und konsequent zu führen. Die Kosten für den Diebstahl von Recherchen und Denk-Arbeit müssen so hoch sein, dass er auch für Akteure mit weniger Verantwortungsbewusstsein nicht mehr attraktiv ist. Es geht um die Zukunft unserer Branche. Wenn wir jetzt nicht konsequent sind, dann vielleicht nie wieder.